V. Mystische Nacht der göttlichen Tröstung mit Meister Eckhart – 2009

23. September 2009  

Zwei Tonnen Fliesenspiegel geben mehr wieder als die gegenständliche Wirklichkeit!
Handwerker sehen darin ihr Handwerk, Laienfliesenleger/innen und Lastenträger spüren im Anblick der verlegten Fliesen ihren Muskelkater. Zweitausendsechshundert Fliesen mussten einzeln geputzt werden. Sieht man noch die Schlieren oder sieht man mühelos hindurch, hindurch zu welcher Wirklichkeit?

Zum Einzug in die Kirche ist alles dunkel und still, nur die Osterkerze brennt. Die Besucherinnen und Besucher folgen der Osterkerze, lassen sich das Licht der Flamme geben und vervielfältigen es durch Weitergabe und durch Spiegelung. Im Nu ergreift die Feierlichkeit von Licht, Bewegung, Raumhöhe und Raumtiefe die Anwesenden. Denn das gesamte Mittelschiff ist eine changierende Projektionsfläche. In ihr sieht man das gotische Deckengewölbe so tief wie es hoch ist. Der Altar und das beleuchtete Kirchenfenster sind fast noch intensiver in der Spiegelung als in der Wirklichkeit zu sehen. Das Mittelschiff ist von Bänken freigeräumt und zur Spiegelfläche geworden. Die Menschen sitzen, stehen, hocken, liegen im verdoppelten flackernden Kerzenlicht in einer großen Runde.

Pater Thomas Krauth lädt ein, sich auf die göttliche Wirklichkeit einzulassen, sich durch Gott trösten zu lassen. Ein aktiver Aufruf zur Passivität? Haben wir bei aller aktiven Problembewältigung etwas übersehen? Probleme in der Familie und im Beruf, in der Politik, in der Krise? Aber wer soll uns helfen, „das“ zu finden, was uns tröstet? Meister Eckhardt? Die Texte, vorgetragen vom Sprecher Wolf Frass, sind nicht gerade „nice and gentle“, wie der Engländer sagen würde. Lieb und nett ist Meister Eckhardt nicht, seine Bilder sind oft nicht zimperlich, er mutet den Zuhörerinnen und Zuhörern etwas zu: einen Finger abhacken, um den „Rest“ zu retten, Leiden lieben und zur Seligkeit transformieren, Selbstleugnung auf dem Weg der göttlichen Tröstung. Trost ist bei ihm wahrlich keine Zuckerwatte. Meister Eckhardt fordert auf, das Göttliche aus uns heraus zu bergen. Das Göttliche durch die Oberfläche hindurch zu sehen.

Die eigene Identiät, die eigene Sehnsucht sehen, so könnte man die Anregung nennen, die von Martina Skatulla, eine der Hauptkteurinnen an diesem Abend, ausgeführt wurde. Sie nahm eine Spiegelfliese aus dem Kreuzungsunkt von Längs- und Querachse des Kirchenmittelschiffes auf und hielt sie hier und dort Besuchern oder Besucherinnen hin. Kontrapunkte zwischen Sehen und Sehnsucht, wer bin ich im Spiegel der V. Mystischen Nacht? Viele Impulse werden in den Raum entlassen und den Assoziationen der Menschen überlassen. Bei diversen Gängen über die Fliesen gibt es ein Krachen und Brechen der Fliesen. Manche sehen gebannt zu und schnappen geräuschvoll nach Luft beim Zerbersten. Sowohl das Brechen der Spiegel, wie die Symbolik vom Ei zur Osterkerze zur Monstranz im Kreuzungspunkt bleibt den Gästen überlassen. Spirituelle Erfahrungen bekommen ihren individuelen Freiraum.

Die fünfte Nacht der göttlichen Tröstung hat stärkere, liturgische Züge mit höherer Bindung als in den vergangenen Jahren. Es ist nicht nötig, die Menschen vom Begehen der Spiegel abzuhalten. Der Kirchenraum ist kein Theater- oder Ausstellungsraum mit Publikumbeteiligung geworden. Die Gesänge vom Kammerchor musica viva und den Kantoren von Sankt Sophien unter der Leitung von Clemens Bergmann hatten keinen Konzertcharakter, sie haben das beigetragen, was Bilder, Gesten und Worte allein nicht können. Insgesamt hatte diese „Mystische Nacht“ mehr den Charakter einer fünfstündigen, durchgängig kurzweiligen Liturgie. Erst als der Ghanaische Gospelchor um 0:15 Uhr zu singen beginnt, wird das erste Mal applaudiert. Es wird getrommelt, gesungen, gelacht. Die Mystische Nacht geht am 20.09.09 gegen 1:00 Uhr gelöst und entspannt zuende.

20.09.2009 Uschi Freese

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