Die Wunden: Predigtreihe in St.Sophien

Das verwundete Herz
Sonntag 22.3.09 Hochamt Pater Karl

Ein Kommentar von D. Gutschmidt

„In der (bedingungslosen) Liebe (in seinem hingegebenen gekreuzigtem Sohn Jesus) zeigt Gott seine verwundbare Seite.“

Die Predigt appellierte an mein Mitgefühl.
Besonders denen gegenüber, deren Würde und Daseinsberechtigung mißachtet wird.
In diesem Sinne habe ich die Predigt verstanden.

Aus ihrem Kontext genommen,halte ich die Aussage „Gott sei verwundbar“ für kontraproduktiv.
Warum?

1. Sinn und Zweck jeder Religion ist religere=rückverbinden.
Womit, was soll da verbunden werden?
Das Geschöpf mit dem Schöpfer.
Wenn ich bei diesem Prozess einen verwundbaren Gott im Blick habe,dann verschiebt sich die wesentliche Perspektive.
Denn dann gilt es plötzlich den Verwundeten zu heilen> Ich stark./.Gott schwach, bedürftig > nicht ich passe mich rückverbunden wieder in die erste und letzte
Realität ein, sondern versuche die verletzte Gottheit zu reparieren, zu versöhnen, zu heilen.
Daraus ergibt sich verzerrte Wahrnehmung.

2. Der Gott Abrahams … Jesu … ist ein ewiger Gott.
Eine Wunde ist mit Schmerz und Verlust assoziiert.
Um Schmerz und Verlust zu erfahren ist eine Form X vorrauszusetzen, deren Abwandlung ,Zerstörung oder Degeneration
gewertet wird. Die Intensität dieser Wertung beruht im Wesentlichen auf der Endlichkeit der Form X .
Endlichkeit widerspricht der Definition Gottes.

3. Ein historischer Rückblick zeigt ziemlich deutlich, daß fast alle „Greuel“ der Menschheitsgeschichte auf vermeintlich gute Absichten zurück zu führen waren: ob G.W.Bush´s Feldzug gegen die Achse des Bösen, ob Abtreibung, ob Inquisition oder Terror – die Täter handeln, um vermeintlichen Schaden abzuwenden.
Verwundung muß – um jeden Preis – vermieden werden.
Diese Verhaltensweisen sind geprägt von der Angst vor der eigenen Verwundbarkeit und diese Angst wird auf die Umwelt projiziert.
Was geschieht,wenn diese Urangst auf Gott projiziert wird?
Das Lebensprinzip Gott wird ausgehebelt. Unverwundbarkeit wird zum Über-Lebensprinzip, der Abgott wird somit erschaffen und die Überlebensstrategie der Verwundungsvermeidung tritt an Stelle des Dienstes am Lebensprinzip.

4. Intention unseres Glaubens ist das ewige Leben:
„das aber ist das ewige Leben,Gott den Vater zu erkennen …“
Wie kann man GOTT erkennen, wenn man das, was Gott ist, mit dem Maßstab menschlichen Reaktionsvermögens mißt?
In der Reduktion auf die Ausdrucks- und Erfahrungsform menschlicher Emotion mache ich mir ein Bild von Gott und male es obendrein noch in der Färbung meiner Prioritäten und Affinitäten an. Wie kann man sich auf GOTT einlassen, wenn der Horizont so mit Blidern vollgenebelt ist.
Eine klare Fensterscheibe läßt das Licht mehr oder weniger ungebrochen, unreflektiert hindurch gehen.
Ein Spiegel hingegen reflektiert das eigene Bild, mich.
Solange ich Gott nach dem Angesicht des Menschen denke, reflektiere ich nur mich.
Gott hat uns aber nach Seinem Angesicht geschaffen.
Wenn ich hindurch auf Ihn schaue, wie er ist, dann finde ich auch, was ich werden kann.
Aus diesem Erkennen ergibt sich eine Unverwundbarkeit, die befähigt auch unter extremsten Bedingungen Leben/Liebe zu sein.

Damit diese Dimension bereits im physischen Körper erfahrbar wird, empfehle ich über folgende Aussagen etwas zu meditieren:

Genesis 2/7 + Markus 15/37 + Lukas 20/22 +Johannes 3/8+14/27ff Psalm 110/3

Wozu diese Überlegungen?
Jesus hat ziemlich oft gesagt „fürchtet Euch nicht“.
Furcht hindert mich, meinen Nächsten zu lieben, so wie er ist.
Furcht hindert mich Bekanntes los zu lassen und Unbekanntes zu zu lassen.
Die naturgegebene Angst vor meiner Auflösung/Umwandlung bzw. derer, die wir zu lieben meinen, verhindert Entfaltung und Nähe.
Bei dem Lebenswerk Jesu ging es aber vorallem darum,die Nähe zu allem was ist und die Einheit des Er-lebens aufzuzeigen.
Das Reich, das nicht „von dieser Welt“ ist, ist – schon – mitten unter uns.

Wahrnehmen und daraus genährt den (dann eigenen) Leib zu achten und zu lieben er-gibt sich, wenn der Mensch die Schöpfung von Gott her be-greift. Dazu hat Christus aufgerufen und darauf hat er vertraut.

Ohne diese Dimension, ohne das Zulassen dieses Perspektivenwechsels bleibt man in der Polarität der Welt stecken und reagiert
dementsprechend. Der Ein-Fluss des „heiligen Geists“ bewirkt den Perspektivenwechsel und aus der Geborgenheit unzerstörbaren Seins quillt das Potential zu der Liebe, die das Antlitz der von uns aus Getrenntheit verwundeten Welt neu macht.

Dorothee Gutschmidt

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